Aus dem Gemeinderat

Hochwasserschutz soll höchste Priorität haben -27.11.2003

Gemeinderat Neckartenzlingen: Gutachten zu Schutzmöglichkeiten vor Ermsflut vorgestellt - Grundsatzbeschluss gefällt


NECKARTENZLINGEN. Einigen geht's nicht schnell genug: Nach über zweistündiger Auseinandersetzung mit möglichen Schutzmaßnahmen gegen ein neues Ermshochwasser am Dienstag im Gemeinderat, waren nicht alle im Dachgeschoss der Alten Schule zufrieden. Einige Gemeinderäte und einige der vielen Bürger im Publikum - auf Grund des erwarteten Andrangs war man aus dem Sitzungssaal des Rathauses umgezogen - haben vom Referat des Ingenieurs Dietrich Schöngart vom Uracher Planungsbüro Fritz und von Dieter Bayer von der Kirchheimer Gewässerdirektion wohl mehr klare Aussagen zu einer schnelleren Umsetzung der Schutzmaßnahmen erwartet. Letztlich kam es dennoch zu einem Grundsatzbeschluss des Gremiums, drei kombinierte Hochwasserschutzmaßnahmen so schnell wie möglich anzugehen - und auch zu vollenden. Spätestens 2005 kann wohl mit dem Start zu rechnen sein. Weit über drei Millionen Euro wird es kosten, doch Neckartenzlingen kann mit Landeszuschüssen von 70 Prozent rechnen.

Das Murren im Zuhörersaal war unüberhörbar, einige der Gäste marschierten gar schon vor Vollzug des Tagesordnungspunkts ab. Unmut regte sich auch bei einigen Gemeinderäten. Dabei hatte Dietrich Schöngart die Ergebnisse seines Gutachtens vorgelegt, an denen es in puncto Akribie und Fachwissen sicherlich rein gar nichts auszusetzen gab.

Von einem so genannten "hundertjährigen Hochwasser" sei man in Neckartenzlingen im August letzten Jahres noch weit entfernt gewesen. Alle 15 Jahre könne statistisch mit einer solchen Überschwemmung gerechnet werden, führte der Fachmann aus. Er habe in seinem Gutachten alle Möglichkeiten beleuchtet, sagte er. Einen absoluten Schutzgebe es allerdings nie.

Geprüft und verworfen hat der Ingenieur einen Bypass, der aus einer rund zwei Kilometer langen Druckrohrleitung besteht, mit dem die Fluten der Erms durch den Ort gelenkt werden könnten. Über fünf Millionen Euro würde das kosten, die Konstruktion wäre zudem zu wenig effektiv.

Günstiger und effektiver erscheinen Schöngart drei Stau- und Rückhaltemaßnahmen, deren Kombination selbst vor einem hundertjährigen Flutereignis schützen könnte. Zudem könnten die Maßnahmen nacheinander angegangen werden, neue Erfahrungen berücksichtigt werden.

Erster Punkt wäre eine Flutmulde, für die erste Baggerstreiche ja schon getan worden sind. Damit würde man der Erms zwischen Rundsporthalle und Brücke an der Metzinger Straße ein Ausweichbett anbieten. Rund 620.000 Euro würde dies kosten. Hinzukommen könnte dann die Sanierung und der Ausbau der Ufermauer und -befestigungen an den Grundstücken der Ermsstraße am linken Bachufer. Kosten: rund 990.000 Euro. Dritter Punkt wäre ein Rückhalteraum mit einem Damm, der regelbar wäre, im Klettenbach - das ist die Gegend links der von Bempflingen nach Neckartenzlingen führenden Landstraße vor den Schulsportplätzen. Kosten hier: rund zwei Millionen Euro.

Insgesamt also würde dieses Sicherungspaket über 3,6 Millionen Euro kosten - eine Summe, die sogar die für die Finanzen der Gemeinde verheerenden Kosten der PCB-Sanierung im Schulzentrum übersteigt. Und eine Summe deshalb auch, die selbst ein weniger als das Neckartenzlinger gebeuteltes Gemeindesäckel unmöglich alleine aufbringen kann.

Doch finanzielle Unterstützung wird vom Land kommen. 17 Millionen Euro stellt die Regierung für den Hochwasserschutzbereit, erläuterte Dieter Bayer von der Kirchheimer Gewässerdirektion. "2004 hat Neckartenzlingen Priorität 1a", sagte er. Obwohl es im ganzen Land viele Gemeinden gibt, die vor Hochwasser geschützt werden müssen, und die pekuniären Mittel auch auf Landesebene knapp sind. 70 Prozent der Kosten würde das Land tragen, 30 Prozent bleiben an Neckartenzlingen hängen - also immer noch deutlich über eine Million Euro.

Angesichts dieser stolzen Summe wird es auch eine nicht unerhebliche Rolle spielen, wer für die einzelnen Maßnahmen die Bauträgerschaft übernehmen wird - das Land oder die Gemeinde. Trifft es die Gemeinde, muss sie die jeweils kompletten Summen vorstrecken, bis die Zuschüsse fließen. Das wäre nur schwer zu schultern.

Bayer machte auch das weitere Vorgehen deutlich. Nach dem Vorliegen der obligatorischen Studie könne der Gemeinderat nun das Schutzziel festlegen und sich ans Planfeststellungsverfahren machen. Zu klären seien, am besten zuvor, die Grundstücksfragen. Unter anderem müsse man sich auch mit den Naturschutzbehörden arrangieren. Auch die Bauträgerschaft könne diskutiert werden. Flutmulde und Mauererhöhungen könne man zuerst angehen und damit Überschwemmungen wie im letzten Jahr überstehen. 2004 könne so noch mit Vorbereitungen verstreichen, 2005 könnten konkrete Maßnahmen anlaufen.

Die letzte Aussage eben rief die Kritiker der behördlichen Vorgehensweise auf den Plan. Nicht nur im Publikum. Wilhelm Fischinger zum Beispiel sagte, seine Fraktion habe schon vor einem Jahr festes und schnelles Zupacken gefordert. Später in der Diskussion dann sprach Fischinger von "zwei Stunden Gebabbel" und resümierte: "Nichts hat sich getan." Bürgermeister Herbert Krüger hingegen verwies energisch darauf, dass man intensiv mit der Gewässerdirektion zusammenarbeite. "Polemischer Drucknützt nichts", sagte er und witterte bei einigen Räten erneut publikumsträchtige Wahlkampfmanöver jenseits der Sachlichkeit.

Letztlich einigte sich das Gremium bei vier Enthaltungen und der Gegenstimme von Georg Adler, auch der CDU-Rat war mit dem Tempo nicht zufrieden, darauf, die vorgeschlagenen Schutzmaßnahmen auf dem schnellstmöglichen Weg zu realisieren.

Quelle: "Nürtinger Zeitung, Andreas Warausch"

Ich danke Herrn Warausch für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung dieses Artikels.